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Haltung

Die Dosis macht das Gift

Zucker, Schokolade, das Glas Wein am Abend: Viele Ernährungsratschläge teilen Lebensmittel in „gut“ und „böse“. Das klingt einfach – funktioniert im Alltag aber erstaunlich selten. Warum Verbote so oft nach hinten losgehen und was stattdessen hilft.

Patrick Spengler
Patrick SpenglerZertifizierter Ernährungsberater (B-Lizenz)
· 4 Min. Lesezeit

01Worum es geht

Vielleicht kennst Du das: Montag fällt der Entschluss – ab heute kein Zucker mehr. Zwei Tage läuft es gut. Am Mittwoch steht im Büro Geburtstagskuchen auf dem Tisch, Du nimmst ein Stück. Und dann kommt dieser Gedanke: „Jetzt ist es eh egal.“ Am Abend ist die Tafel Schokolade leer, und am nächsten Morgen fühlst Du Dich schlechter als vorher.

Das Problem an dieser Geschichte ist nicht das Stück Kuchen. Das Problem ist die Regel. Ein absolutes Verbot kennt nur zwei Zustände: eingehalten oder gebrochen. Und sobald es gebrochen ist, fällt jede Orientierung weg. Mit mangelnder Disziplin hat das wenig zu tun – eher mit einem System, das kaum Spielraum für echtes Leben lässt.

Schon der Arzt Paracelsus hat im 16. Jahrhundert dieses Prinzip festgehalten. Das genaue Originalzitat lautet: „Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis machts, daß ein Ding kein Gift sei.“

Dieses Prinzip besagt, dass fast jede Substanz – selbst Wasser oder Kochsalz – in einer zu hohen Menge schädlich oder tödlich sein kann, während umgekehrt selbst hochgiftige Stoffe in sehr geringen Dosen unschädlich oder sogar als Heilmittel wirksam sein können. Das gilt für Medikamente – und es gilt genauso für Deine Ernährung.

Trotzdem hat sich rund ums Essen eine regelrechte Moral entwickelt: Lebensmittel sind „clean“ oder „Sünde“, man „gönnt sich“ etwas oder „war schlecht“. Wer so über Essen spricht, bewertet am Ende nicht nur den Teller, sondern sich selbst. Und Schuldgefühle sind erfahrungsgemäß ein schlechter Ratgeber für die nächste Mahlzeit.

02Was die Wissenschaft sagt

Die Ernährungspsychologie unterscheidet seit den 1990er-Jahren zwei Arten, das eigene Essverhalten zu steuern: die rigide Kontrolle („nie“, „ab sofort gar nicht mehr“, alles oder nichts) und die flexible Kontrolle („weniger“, „bewusst“, „dafür morgen etwas leichter“).

Schon in den 1970er-Jahren zeigte ein klassisches Experiment, wie der „Jetzt ist es eh egal“-Effekt funktioniert: Menschen, die sich beim Essen stark einschränkten, bekamen zunächst einen Milchshake. Anschließend durften sie Eiscreme probieren, so viel sie wollten. Das überraschende Ergebnis: Nach dem Milchshake aßen sie mehr Eis als ohne – als wäre der Tag ohnehin „verloren“. Bei Menschen ohne strenge Regeln war es umgekehrt.1

In einer Untersuchung mit 223 Erwachsenen war flexibles Verhalten mit weniger Überessen, einem niedrigeren Körpergewicht sowie weniger Niedergeschlagenheit und Ängstlichkeit verbunden. Rigides Verhalten – etwa striktes Kalorienzählen und Verbote – ging dagegen häufiger mit Überessen und einem höheren Körpergewicht einher.2

Ein ähnliches Bild zeigte eine Studie mit 106 Frauen, die bereits rund zehn Kilo abgenommen hatten: Frauen mit rigider Kontrolle waren gedanklich stärker auf Essen und Figur fixiert. Die flexible Kontrolle sagte dagegen einen besseren langfristigen Gewichtsverlauf voraus. Die Autoren empfehlen deshalb ausdrücklich, flexible Strategien zu fördern.3

Dazu passt, was die Forschung über die psychologischen Folgen von Einschränkung weiß: Wer sich Lebensmittel stark verbietet, beschäftigt sich häufig mehr mit Essen, erlebt stärkere Gelüste und neigt eher zu Essanfällen, wenn die Kontrolle einmal nachlässt.4

Übrigens: Selbst die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt nicht „null Zucker“, sondern freien Zucker auf weniger als 10 % der täglichen Energie zu begrenzen – bei 2.000 kcal sind das etwa 50 Gramm.5 Auch das ist eine Frage der Dosis.

Wichtig zur Einordnung: Viele dieser Studien zeigen Zusammenhänge, keine eindeutigen Ursachen. Das Muster ist aber über Jahrzehnte erstaunlich stabil – und deckt sich mit dem, was wir in der Beratung täglich sehen.

03So setzt Du es um

  1. Ersetze „nie“ durch „wie oft und wie viel“. Statt „keine Süßigkeiten mehr“ lieber: „Süßes an drei Tagen pro Woche, in einer Portion, die ich bewusst genieße.“
  2. Plane Genuss ein, statt ihn heimlich passieren zu lassen. Das Stück Kuchen am Sonntag oder das Glas Wein am Freitag darf einen festen Platz haben. Geplanter Genuss fühlt sich nicht wie ein Regelbruch an.
  3. Denk in Rahmen, nicht in Regeln. Wenn der Großteil Deiner Ernährung aus sättigenden, nährstoffreichen Lebensmitteln besteht, bleibt ganz selbstverständlich Spielraum für den Rest.
  4. Ein Ausrutscher ist ein Datenpunkt, keine Niederlage. Die nächste Mahlzeit ist einfach wieder eine normale Mahlzeit – ohne Ausgleichsfasten und ohne Extra-Sporteinheit als Strafe.
  5. Genieße bewusst. Hinsetzen, langsam essen, ohne Handy. Wer bewusst genießt, ist oft mit einer kleineren Menge zufrieden.

So kann das konkret aussehen

Stell Dir Patrick vor: Er liebt Schokolade und hat schon unzählige „Zuckerfrei“-Challenges abgebrochen. Statt eines Verbots vereinbart er mit sich: zwei Stück gute Schokolade nach dem Mittagessen, am Tisch, ohne Nebenbei-Scrollen. Abends gibt es keine Schokolade mehr im Sichtfeld, weil sie im Schrank statt auf der Küchentheke liegt. Am Wochenende darf es auch mal ein Dessert im Restaurant sein.

Das Ergebnis nach ein paar Wochen: Die abendlichen „Packung-leer“-Momente werden seltener, weil Schokolade nicht mehr verboten und damit weniger aufregend ist. Patrick isst unterm Strich weniger Süßes als in seinen strengsten Phasen – und fühlt sich dabei deutlich entspannter.

Die ASCENSUS-Sicht

Ich kenne die Ganz-oder-gar-nicht-Spirale aus eigener Erfahrung: strenge Regeln, eiserne Wochen – und dann der Einbruch. Was mich da rausgeholt hat, war nicht noch mehr Disziplin, sondern weniger Dogma.

Deshalb gibt es bei ASCENSUS keine Verbotslisten. Wir schauen gemeinsam, wie viel von was in Deinen Alltag passt – so, dass Du es auch in einem Jahr noch gern so machst. Denn Kontinuität schlägt jede Crash-Diät.

Nur eines möchte ich nicht unter den Tisch fallen lassen: Flexibel heißt nicht bequem. Auch der entspannteste Ansatz verlangt ab und zu eine bewusste Entscheidung gegen den ersten Impuls.

Patrick Spengler · ASCENSUS

Quellen

  1. Herman CP, Mack D (1975). Restrained and unrestrained eating. Journal of Personality, 43(4), 647–660.
  2. Smith CF, Williamson DA, Bray GA, Ryan DH (1999). Flexible vs. rigid dieting strategies: relationship with adverse behavioral outcomes. Appetite, 32(3), 295–305.
  3. Westenhoefer J, Engel D, Holst C, Lorenz J, Peacock M, Stubbs J, Whybrow S, Raats M (2013). Cognitive and weight-related correlates of flexible and rigid restrained eating behaviour. Eating Behaviors, 14(1), 69–72.
  4. Polivy J (1996). Psychological consequences of food restriction. Journal of the American Dietetic Association, 96(6), 589–592.
  5. World Health Organization (2015). Guideline: Sugars intake for adults and children. Genf: WHO.

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche oder therapeutische Beratung. Bei Vorerkrankungen sprich Änderungen Deiner Ernährung bitte mit Deinem Arzt oder Deiner Ärztin ab.

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