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Haltung

Leben und Essen genießen, ohne das Ziel zu verlieren

Das Abendessen mit Freunden, der Urlaub, Weihnachten mit der Familie: Viele verzichten oder sagen ab, um „auf Kurs“ zu bleiben. Warum dabei oft mehr verloren geht als gewonnen wird – und was wirklich zählt.

Patrick Spengler
Patrick SpenglerZertifizierter Ernährungsberater (B-Lizenz)
· 6 Min. Lesezeit

01Worum es geht

Freunde laden zum Essen ein. Der Jahresurlaub steht an. Weihnachten rückt näher. Und im Kopf läuft sofort die Rechnung: „Wie komme ich da durch, ohne alles kaputt zu machen?“

Manche bestellen dann nur den Salat. Andere sagen ab, weil sie sich nicht zutrauen, am Tisch bei ihren Vorsätzen zu bleiben. Ich erlebe in der Beratung immer wieder, wie sich Menschen dadurch zurückziehen: erst bei den Restaurantabenden, dann bei Geburtstagen, irgendwann bei fast allem, wo gegessen wird. Der Satz dahinter lautet meist: „Ich kann das gerade nicht, ich muss verzichten, sonst komme ich aus dem Plan.“

Das ist menschlich nachvollziehbar – und trotzdem ein schlechter Tausch. Wir sind soziale Wesen. Gemeinsam zu essen gehört zu den ältesten Formen, Nähe herzustellen: das Date mit dem Partner, der Geburtstag der besten Freundin, der erste Abend im Urlaub. Das Prinzip dahinter kennst Du aus dem Beitrag „Die Dosis macht das Gift“. Hier geht es um die Seite, die dort kaum Platz hatte: was Verzicht mit Deinem Leben macht, nicht nur mit Deinem Teller.

02Was die Wissenschaft sagt

Wenn Essen ausgrenzt

Die Psychologin Kaitlin Woolley und ihre Kolleginnen haben in mehreren Untersuchungen gezeigt, dass Essbeschränkungen mit mehr Einsamkeit zusammenhängen.1 Der Grund: Gemeinsames Essen verbindet, und wer anders isst als die anderen, fühlt sich schneller außen vor. Hinzu kommen „Essens-Sorgen“, also die Angst, wie andere die eigene Auswahl bewerten. Konnten die Betroffenen dasselbe essen wie die anderen, wurde der Effekt deutlich schwächer.

Zur Einordnung: Diese Studien beziehen sich auf Essbeschränkungen allgemein, zum Beispiel medizinisch oder weltanschaulich bedingte, nicht speziell auf Diäten zur Gewichtsabnahme. Der Mechanismus ist aber gut übertragbar – und er deckt sich mit dem, was ich im Gespräch mit Klient:innen sehe.

Wie groß sind ein paar Festtage wirklich?

Gut untersucht ist die Weihnachtszeit. In einer vielzitierten US-Studie nahmen die Teilnehmenden über die Feiertage im Schnitt nur etwa ein halbes Kilo zu.2 Eine große Untersuchung aus Deutschland, Japan und den USA fand ein ähnliches Bild: kleine Zunahmen rund um die Feiertage, im Bereich von einigen hundert Gramm bis knapp einem Kilo.3

Zwei Dinge lassen sich daraus mitnehmen. Erstens: Die Feiertage sind nicht das Drama, als das sie oft dargestellt werden. Zweitens, und das gehört zur ehrlichen Einordnung: Dieses kleine Plus bleibt bei manchen Menschen bestehen, wenn es danach nicht wieder ausläuft. Entscheidend ist also weniger der Festtagsabend selbst, sondern wie Du danach wieder in Deinen Alltag findest.

Die Rechnung: Was ein großzügiger Abend wirklich ausmacht

Ein Kilogramm Körperfett enthält grob 7.000 bis 7.700 kcal. Die oft genannte Faustregel (rund 7.700 kcal pro kg, in der US-Variante 3.500 kcal pro Pfund) geht auf eine Berechnung von Wishnofsky aus dem Jahr 1958 zurück.4 Der Wert ist eine Näherung: Fettgewebe besteht nicht nur aus reinem Fett, und der Körper passt seinen Verbrauch an, wenn sich Gewicht und Essverhalten ändern.5 Für eine Größenordnung bei einzelnen Tagen reicht er aber gut.

Rechnen wir einmal bewusst großzügig. Angenommen, Dein Tagesbedarf liegt bei 2.400 kcal. Ein normales Abendessen hat bei Dir etwa 700 kcal. Dein Restaurantabend sieht so aus:

Gangca. kcal
Aperitif150
Brot mit Butter200
Vorspeise350
Hauptgang900
Dessert450
Zwei Gläser Wein300
Gesamtca. 2.350

Das sind rund 1.650 kcal mehr als ein normales Abendessen. Rechnet man den Rest des Tages mit Deinem normalen Bedarf, ist das ein Überschuss von etwa 1.650 kcal. Geteilt durch 7.000 sind das rund 0,24 kg, also etwa 240 g. Mit 7.700 kcal pro kg wären es rund 215 g. Das ist wohlgemerkt ein sehr üppiger Abend – und das Ergebnis liegt trotzdem bei einem knappen Viertelkilo, im Höchstfall.

Und jetzt der entscheidende Vergleich: Dieser Abend ist eine Mahlzeit in einer Woche mit 21 Hauptmahlzeiten. Die anderen sechs Tage isst Du ganz normal, so wie immer. Du holst nichts nach, Du sparst nichts ein, Du genießt den Abend einfach und machst danach weiter wie gewohnt. Das ist der Punkt: Ein Ausnahmeabend braucht keinen Ausgleich, weil er rechnerisch kaum ins Gewicht fällt.

Ganz anders sähe die Rechnung aus, wenn jeder Abend so aussähe. Sieben Abende mit je 1.650 kcal Überschuss sind rund 11.550 kcal in der Woche, also etwa 1,5 bis 1,65 kg Körperfett – das Siebenfache. Genau hier liegt der Unterschied zwischen der Ausnahme und der Regel: Nicht der besondere Abend verändert Dein Ergebnis, sondern das, was Du Tag für Tag tust.

Dass die Waage am nächsten Morgen trotzdem ein Kilo mehr zeigen kann, liegt nicht am Fett. Salzreiches Essen, Alkohol und viele Kohlenhydrate binden Wasser, und auch der Darm ist voller. Diese Schwankungen sind normal und gehen innerhalb weniger Tage wieder zurück.

Hinweis zur Rechnung: Die Kalorienwerte der Gänge sind grobe Schätzungen, die je nach Restaurant stark schwanken. Der Wert von 7.000–7.700 kcal pro kg Fett ist eine Näherung, kein exakter Umrechnungsfaktor.

03Das große Bild: der Ultramarathon

Stell Dir Deine Ernährung wie einen Ultramarathon vor. Niemand gewinnt oder verliert ihn auf einem einzelnen Kilometer. Wer an Kilometer 38 an der Verpflegungsstation länger stehen bleibt und etwas genießt, ist deshalb nicht raus. Entscheidend ist das Tempo über die gesamte Strecke – und dass Du überhaupt im Rennen bleibst.

Eine Urlaubswoche, die Feiertage oder ein schöner Abend mit Deinem Partner im Restaurant sind ein winziger Teil der Strecke. Die Strecke selbst sind die vielen gewöhnlichen Tage: Dienstagmittag, Donnerstagabend, der dritte Montag im Monat. Dort entscheidet sich Dein Ergebnis, nicht beim Weihnachtsessen.

04So setzt Du es um

Restaurantabend mit Freunden oder Partner

Entscheide Dich für das, worauf Du wirklich Lust hast, statt alles halb zu probieren. Iss davor und danach normal, ohne vorab zu fasten. Und rede, lache, bleib sitzen: Der Abend ist wegen der Menschen da, nicht wegen des Tellers.

Buffet und All-inclusive im Urlaub

Schau Dir zuerst alles an und nimm dann, was Du wirklich willst. Ein gut gefüllter Teller mit Eiweiß, etwas Gemüse und dem, worauf Du Lust hast, reicht meist völlig. Bewegung im Alltag (Spazieren, Schwimmen, Erkunden) hilft, ohne dass Du den Urlaub zum Trainingslager machst.

Weihnachten und Familienfeste

Rechne nicht Gang für Gang mit. Gönn Dir die Dinge, die für Dich zu diesem Fest gehören. Wenn Du magst, plane für die Tage dazwischen einen ruhigen Spaziergang oder eine normale Mahlzeit mit Gemüse und Eiweiß ein – nicht als Strafe, sondern weil es Dir guttut.

Einladung bei Freunden

Du musst nicht erklären, warum Du etwas isst oder nicht. Ein „Das sieht toll aus, ich nehme gern etwas davon“ reicht. Und wenn Du satt bist, darfst Du das genauso sagen.

Die Tage danach

Der erste Tag nach dem Urlaub ist ein normaler Tag. Kein Ausgleichsfasten, kein Extra-Training. Du nimmst Deinen Alltag wieder auf – und das ist der Teil, der am meisten zählt.

So kann das konkret aussehen

Stell Dir Anja vor. Im Alltag isst sie so, wie es zu ihr passt: ein eiweißreiches Frühstück, mittags etwas Sättigendes mit Gemüse, abends meist etwas Einfaches. Sie hat dafür keine Verbotsliste, sondern ein paar Gewohnheiten, die sich bewährt haben. Das ist ihr Alltag, und der trägt ihr Ergebnis.

Nun ist sie zum Geburtstag ihrer besten Freundin eingeladen: Restaurant, Menü, Dessert. Früher hätte sie abgesagt oder wäre hingegangen und hätte beim Essen vor allem gerechnet.

Diesmal geht sie hin, bestellt das Gericht, auf das sie sich gefreut hat, teilt sich mit einer Freundin ein Dessert und redet viel. Am nächsten Morgen gibt es ihr ganz normales Frühstück, ohne Ausgleich und ohne schlechtes Gewissen. Das Ergebnis: ein schöner Abend, keine schlechte Stimmung und in der Woche danach derselbe Alltag wie immer. Rechnerisch hat dieser Abend ihr Ergebnis kaum verändert, und sie musste nichts ausgleichen.

Die ASCENSUS-Sicht

Ich kenne beide Seiten: die Zeit, in der ich Einladungen mit Ausreden abgesagt habe, und die, in der ich zwar am Tisch saß, aber innerlich mitgezählt habe. Beides hat mich Energie gekostet und mir den Abend genommen.

Deshalb gibt es bei ASCENSUS keine Verbote. Wir bauen eine sinnvolle Ernährung in Deinen Alltag ein, die zu Dir passt, und lassen gleichzeitig Platz für das Leben: für Abende mit Freunden, für den Urlaub, für Weihnachten. Eine Ernährung soll Dein Leben stützen, nicht einschränken.

Ein ehrlicher Hinweis gehört dazu: Auch hier gilt das Verhältnis. Wenn jeder Abend zur Ausnahme wird, fehlt der Alltag, der das Ergebnis trägt. Es geht nicht um einen Freifahrtschein, sondern darum, dass die seltenen besonderen Anlässe Platz haben, ohne dass Du Dich dafür rechtfertigen oder bestrafen musst.

Patrick Spengler · ASCENSUS

Quellen

  1. Woolley K, Fishbach A, Wang RM (2020). Food restriction and the experience of social isolation. Journal of Personality and Social Psychology, 119(3), 657–671.
  2. Yanovski JA, Yanovski SZ, Sovik KN, Nguyen TT, O'Neil PM, Sebring NG (2000). A prospective study of holiday weight gain. New England Journal of Medicine, 342(12), 861–867.
  3. Helander EE, Wansink B, Chieh A (2016). Weight gain over the holidays in three countries. New England Journal of Medicine, 375(12), 1200–1202.
  4. Wishnofsky M (1958). Caloric equivalents of gained or lost weight. American Journal of Clinical Nutrition, 6(5), 542–546.
  5. Hall KD, Chow CC (2013). Why is the 3500 kcal per pound weight loss rule wrong? International Journal of Obesity, 37, 1614.

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche oder therapeutische Beratung. Bei Vorerkrankungen sprich Änderungen Deiner Ernährung bitte mit Deinem Arzt oder Deiner Ärztin ab.

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